Was ist (mein) Potenzial?
Potenzial ist das, was möglich ist. Das, was der Mensch in sich trägt und verwenden kann, wenn er sich der Welt mitteilen möchte, in dem, was er denkt, sagt und tut. So einfach aber ist es nicht, denn Talent alleine ist keine Voraussetzung für ein gutes Gelingen. Talentshows und Karaoke-Veranstaltungen zeugen von den vielen unentdeckten Talenten, für die man – rein gesangstechnisch – eher Eintritt in ein Konzert zahlen würde, als für den ein oder anderen angesagten Künstler. Warum aber findet man auf einer Karaoke-Veranstaltung manch besseres Talent, als auf Weltbühnen?
Talent alleine scheint nicht zu genügen. Es braucht für die meisten Dinge ein gewisses Durchhaltevermögen, Verzicht und Leidenschaft – und das über eine lange Zeit, zumindest so lange man sein Talent voll ausschöpfen will.
Vor allem muss ich die Absicht haben, mein Talent voll und ganz auszuleben. Nicht jeder talentierte Sänger will auch auf großen Bühnen singen. Nicht jede talentierte Dichterin will ihr Buch in den Geschäften stehen sehen. Nicht jeder talentierte Entertainer will dies ständig auf irgendwelchen Bühnen zur Schau stellen.
Im Bekennen liegt die eigentliche Macht
Noch wichtiger vielleicht aber ist das Bekenntnis zum eigenen Talent. Das beinhaltet allerdings, sein Talent zu erkennen und unumbrüchlich anzuerkennen.
Wenn ich mich bekenne, ist mein Weg klar. Was aber steht dem Bekennen entgegen?
Es ist immer ein Zusammenspiel von vielem. Wie oft hat man jemandem gesagt, dass er mit seinem Talent weitergehen sollte, dass er es zu etwas bringen könnte, wenn. Hinter dem „wenn“ steht das Bekenntnis, dass man selbst auch daran glaubt, gut genug zu sein, das Talent zu etwas zu machen.
So manche Karaoke-Veranstaltung oder mancher Talentwettbewerb bringt ja auch den ein oder anderen Profi hervor, der durch derartige Veranstaltungen sein Talent erkennt, anerkennt und es nutzt, seinen Unterhalt zukünftig damit zu verdienen.
Es bleiben aber genug dabei, das Talent hin und wieder in einer Karaoke-Veranstaltung auszuleben und ansonsten ein erfolgreicher Buchhalter zu sein – der ab und zu auf der Firmenfeier dann sein „wahres“ Talent zeigt. Vielleicht bekennt er sich zu dem nicht, weil er den Trubel nicht mag, den eine Gesangskarriere mit sich bringt. Vielleicht mag er die ganz große Bühne nicht oder vielleicht mag er die Buchhaltung noch etwas mehr, als das Singen.
Und, ja, vielleicht versteckt er sich auch hinter der Buchhaltung, vielleicht ist das Angestelltenverhältnis in der Hand besser als die immer wieder wacklige Karriere als Sänger. Vielleicht ist die Abneigung in den ersten Jahren vor zehn Leuten zu spielen, größer als die, in einem stets gleichen Büro zu sitzen. Das weiß nur die betreffende Person selbst.
Es hat sich so eingebürgert, dass maximaler Erfolg das Wichtigste ist und bedeutet, sind wir ehrlich, reich und berühmt zu werden. So passiert es talentierten Menschen immer wieder, dass ihr Umfeld sie gerne zu diesem Erfolg bringen möchten, den ihr Talent aus deren Sicht ermöglicht.
Und auch hier hilft das Bekenntnis dazu, die große Karriere vielleicht aus Angst, vielleicht aus Bequemlichkeit oder vielleicht aus irgendeinem anderen Grund nicht anzustreben.
Es ist nie zu spät, seine Träume aufzugeben
Die meisten Tipps kreisen um die Möglichkeiten, seine Träume doch noch zu verwirklichen. Man ist weder zu alt, noch zu untalentiert, sondern alles ist irgendwie möglich. Wie ist es aber mit Träumen, die man in seinem zweiten geheimen Leben seit Ewigkeiten mit sich herumschleppt? Kann oder will man die denn noch verwirklichen oder schleppe ich sie nur mit, um mir nicht einzugestehen, dass das einfach nichts mehr wird?
Ist es die Angst, ich könnte zusammenbrechen, wenn ich mir selbst eingestehe (mich bekenne), dass es mit dem ein oder anderen Traum – Talent hin oder her – vorbei ist?
Kann sein. Allerdings rückt dabei in den Hintergrund, dass ein nicht gelebter Traum vor allem eines macht: Er beansprucht eine Menge Raum, ohne die reale Möglichkeit zu haben, dass sich dieser Raum je in die Realität ausweitet. Es ist gerade dieser Raum, der vielen anderen Dingen nicht zur Verfügung steht. Was, wenn wir diesen Raum freigeben und womit mag er sich stattdessen füllen?
Und noch eine Angst mag uns befallen, wenn es um unseren Traum geht. Spätestens, wenn wir den Traum in die Wirklichkeit heben, dort also, wo er wirken kann und muss, muss er bestehen und verliert von seiner Glückseligkeit, denn im Geiste ist der Traum die Erfüllung von allem. In der Wirklichkeit muss er bestehen, sich gegen Gesetze und Bürokratie, gegen Mitbewerb und Ablehnung behaupten. Da ist der unangefochtene Traum, den man warum auch immer nicht verwirklichen konnte, in unserem Geist doch wesentlich sicherer und vor allem von all den Wirklichkeiten unantastbar aufgehoben.
Zeit also, all die Träume auf den Prüfstand zu heben, sie einzuordnen und aufzugeben – oder auszuleben
In medias res: Welche Träume habe ich, trage ich seit langem mit mir herum? Welche Träume kann ich aufgeben und welche Träume kann ich so formulieren, dass ich mir eine Umsetzung zutrauen kann? Es ist so ein bisschen, wie die alten Klamotten, die ich seit Jahren in meinem Kleiderschrank hängen habe. Irgendwann ist es Zeit, loszulassen. Ansonsten klopfen die Kleider wie die Träume immer wieder an und alles andere wird immer minderwertig sein, da es ja nicht das ist, was ich machen, da es ja nicht der ist, der ich sein könnte.
Kurzum: Potenzial kann auf unterschiedliche Art und Weise genutzt werden und es darf auch ungenutzt bleiben. Eine gute Sängerin muss nicht auf irgendwelchen Bühnen singen, um ihr Potenzial „richtig“ zu nutzen. Sie kann genauso für ihr Leben gerne an Karaoke-Veranstaltungen teilnehmen, um ansonsten ihrem Beruf als Controllerin nachzugehen. Gleiches gilt für alle anderen Potenziale.
Aus den anfänglichen Ratschlägen, die ich als Kind bekommen hatte, wurde später die Aufforderung, doch „endlich mal was aus meinem Potenzial zu machen“ und „es nicht zu vergeuden“. Ich habe für mich allerdings beschlossen, mein Potenzial so einzusetzen, wie ich es für richtig halte.
Allerdings habe ich lange gebraucht, das zu verstehen. Viel zu lange habe ich immer wieder versucht, den Anforderungen meiner Umgebung gerecht zu werden. Spät, aber immerhin, habe ich festgestellt, dass mein Leben eigentlich ganz gut funktioniert. Ich habe mich selten nach einem Beruf oder einer Anstellung umgeschaut, sondern immer auf das zurückgegriffen, was gerade auf mich zukam und bei Interesse zugegriffen. Dank meines Potenzials gelang es mir auch in den meisten Fällen, zu überzeugen und – das ist wichtig – auch zu liefern.
Ja, ich hätte mein sprachliches Talent auch auf Bühnen einsetzen können (was ich ja hin und wieder auch getan habe), habe es aber anderweitig vor weniger Publikum gemacht.
Besonders perfide ist es, zu behaupten, dass wir eine Verpflichtung haben, ein „gottgegebenes“ Potenzial auch zum Besten zu geben. Als wäre unser Schöpfer gar beleidigt, wenn wir es nicht einsetzten.
Zugegeben, ich nutze mein Potenzial und ja, manchmal nagt es an mir immer noch, „den anderen“ nicht gezeigt zu haben, dass ich auch anders hätte nutzen können. Dann macht sich eine gewisse Scham breit, zwar nicht die, meinem Schöpfer nicht Genüge getan zu haben, sondern, viel schlimmer, die irdischen Menschen hier und da enttäuscht zu haben.
Fazit
Es empfiehlt sich, einen ehrlichen Blick auf das eigene Leben zu werfen und sich zu fragen, ob es in Ordnung ist, so zu leben oder ob etwas fehlt, das durch Nutzung ungenutzten Potenzials erreicht werden könnte. Wenn beides mit einem zufriedenen „Nein“ beantwortet werden kann, gibt es keinen Grund sich um ungelebtes Potenzial Gedanken zu machen, denn Potenzial ist nicht, was umgesetzt werden muss, sondern, was umgesetzt werden kann und vor allem will.
Und: Es ist nie zu spät, sich doch noch einmal auf den Weg zu machen, das ein oder andere zu probieren und zu entwickeln – weniger, um die anderen doch noch zu überraschen, sondern vor allem sich selbst.




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