Warum, wozu und was ist das?
In der Regel neigt man in solchen Texten dazu, aufzulisten, was alles zu Neurodiversität zählt und wie die jeweiligen „Störungsbilder“ beschrieben, sprich: diagnostiziert werden.
Ich will hier von einer Neurodiversität berichten, und zwar von meiner. Ich wette, du wirst dich in dem ein oder anderen wiederfinden, anderes wiederum nicht kennen. Das nennt man dann auch schon „divers“. Das Gehirn ist ein emergentes System, was bedeutet, dass alles mit allem zusammenhängt, also derart miteinander vernetzt ist, dass – stand heute – niemand es verstehen kann. Gleiches gilt auch für den schnellsten Computer der Welt.
Nun haben wir in dieser Hinsicht derart schnelle und große Fortschritte erlebt, dass es schwer vorzustellen ist, dass auch das nicht irgendwann gelöst sein wird. Erinnern wir uns aber an das Projekt zur Entschlüsselung der Gene. Seine Vollendung sollte die komplette Kontrolle aller Krankheiten bringen. Gebracht hat es bisher weitere Fragen. Vermutlich werden wir entdecken, dass Denken gar nicht so funktioniert, wie wir bisher glaubten. Vielleicht müssen wir feststellen, dass unsere Gedanken gar nicht unserem Gehirn entspringen, sondern nur dort aufgefangen und bearbeitet werden? Vielleicht sind wir mit viel mehr Quellen vernetzt, als wir uns vorstellen können und vielleicht sind wir viel mehr ein Kollektiv, als wir je geglaubt haben?
Gott lässt sich nicht in die Karten schauen. Recht hat er.
Ja, ich glaube, dass es Ebenen gibt, die für unser Sein wesentlich sind und die sich von uns nicht entdecken lassen. Nennen wir sie Gott oder Existenz oder Universum oder noch anders. Ich habe festgestellt, dass mir all diese wissenschaftlich sicher richtigen und in einer bestimmten Praxis auch anwendbaren Diagnosen bei Hochsensitiven versagen. Ich lese und studiere diese Studien und Erkenntnisse daraus auch mit Begeisterung, bis ich aber dann irgendwann doch feststelle, dass wesentliche Dinge fehlen.
Nach meiner Erfahrung geht es vielen Menschen, die gemeinhin als Neurodivers beschrieben werden, so. Ich selbst habe Beschreibungen von Neurosensitiv (viel wahrnehmen), Hochbegabung (viel und schnell denken) und ADHS (vermutlich das Ergebnis von beidem). Mir sagen diese Diagnosen nicht viel, zudem sie für mich auch keine Diagnosen sind – ein Begriff, der im Grunde immer mit Krankheit und Störung in Verbindung steht – sondern Beschreibungen eines ziemlich coolen Zustandes.
Ich stehe in puncto Orientierung stets auf dem Schlauch, ein zweihundert seitiges Buch zu schreiben scheint mir mit mehr Schwierigkeiten belegt, als der Bestieg eines Achttausenders und ich kann allerlei andere Dinge nicht oder nicht gut.
Dann gibt es Dinge, die kann ich ziemlich gut. Dazu gehören (hoffentlich) das Schreiben kürzerer Texte, Spontanität, Kreativität, schnelles Reaktionsvermögen in brenzligen Situationen und die absolute Angstfreiheit, offen auf großen oder kleinen Bühnen zu reden. Wenns sein muss, auch Nachts um drei.
Dann aber wiederum bin ich ziemlich scheu, wenn es um die Veränderung meines Umfeldes geht. Ich mag auch nicht so sehr, in Urlaub zu fahren (gleichwohl ich es durchaus akzeptabel finde, zwei- dreimal im Jahr für ein paar Tage unterwegs zu sein, mit lieben Menschen allemal). Ich esse selten Sachen, die ich nicht kenne und ich mag es nicht, in lauten Umgebungen zu sein, da ich mich einfach gerne unterhalte.
Ich könnte ständig Probleme lösen, kann bei eigenen allerdings auch schnell in große Angst verfallen. Andere können bei mir schnell Knöpfe drücken, die mich spontan in tiefe Traurigkeit versetzen oder auch in tagelanges Erstarren und ich kann andere ebenfalls mit zwei Sätzen Schachmatt setzen.
Es fällt mir schwer, Routinen zu brechen und Routinen bringen mich irgendwann um den Verstand. Dann breche ich sie, koste aber das Unwohlsein in der noch bestehenden Routine bis zum Letzten aus, bevor ich einsehe, dass es „so nicht weitergeht“.
Ich habe mir bei alledem einen Autopiloten zugelegt. Der springt, gleich eines Notstromaggregats, nahezu unmerklich (auch für mich) an, wenn ich emotional überwältigt werde. Das erinnert mich an ein Bild, dass ich bei einem Flug eingefangen habe. Wir sitzen in der Holzklasse, die ja keine ist, und ein junger Stewart kommt lächelnd auf mich zu. Drei Sitzreihen vor mir greift er in die Luft, umklammert links und rechts mit seinen Händen den Vorhang, der die Businessclass von der Economy trennt und – kaum ist der Vorhang geschlossen – lässt seine Mundwinkel in den Holzklassenmoduls fallen. So, nur umgekehrt, funktioniert das bei mir.
Ansonsten denke ich ständig, und das ist keine Option, sondern ein Muss. Ich tue es eben, ob ich will oder nicht. Wenn dieses Denken keinen Gegenpart bekommt, dann denkt es eben mit sich selbst, was nicht immer zu einem Ziel führt, manchmal in große Höhen, aber so ganz allein denkend eben oft auch in grüblerische Tiefen.
Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt
In dieser Richtung könnte man den Zustand einiger (weniger) Menschen beschreiben, die sich als neurodivers bezeichnen. die einen haben mehr von diesem, die anderen mehr von jenem, aber eines eint alle: Sie haben von alledem zu viel und das kann manchmal ziemlich toll sein, manchmal aber auch nicht so gut.
Demgegenüber stehen die Menschen, die „in geregelten Bahnen“ denken, nicht ganz so kreativ sind, aber auch nicht ganz so pessimistisch. Dafür aber auch nicht ganz so euphorisch.
Beide, Neurosensitive (so würde ich mich schlussendlich bezeichnen, werde es aber ab jetzt unterlassen, denn die Texte hier haben ihren eigenen Ductus, der von denen verstanden werden wird, die ihn verstehen wollen und können) und neurotypische Menschen, brauchen einander. Dazu ist es aber notwendig, dass beide auch einander verstehen und vor allem vertrauen.
Vertrauen, dass es Menschen gibt, die in der Lage sind, Visionen zu entwickeln, aus einer Wahrnehmung heraus, die den anderen fremd ist. Vertrauen, dass es andere Menschen gibt, die die Welt gut verwalten können.
Vertrauen, dass es Menschen gibt, die Dinge verstehen, die andere nicht verstehen können und deshalb lieber an Magie oder Querdenker denken, wenn sie solche Ideen hören. Vertrauen, dass es Menschen gibt, die die anderen auch wieder auf den Boden der Tatsachen bringen können.
Um dieses Vertrauen geht es auf diesen Seiten und darum, wie man als Neurosensitiver Mensch seine Fähigkeiten einsetzen kann, ohne ihnen zu erliegen.
Um den Kreis zu schließen: Diagnosen sind gut, um zu wissen, was los ist und damit arbeiten zu können. Sie beschreiben ein Verhalten, das oft vermeintlich als störend empfunden wird und sie legen nahe, dass dieses Verhalten eliminiert werden muss. Manchmal lohnt es aber eher, zu lernen, mit dem Verhalten umzugehen und es zum positiven zu nutzen. Dafür braucht es Informationen. Und um die soll es hier auch gehen.




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