Raus aus der Blase!

Wir kommen mit wenig inhaltlichen Informationen auf diese Welt und sind darauf angewiesen, dass man uns dieselbe erklärt. Das wird von den erziehenden Personen gemacht, in aller Regel den Eltern, manchmal den Großeltern oder den Erziehern in Heimen. Später kommen Freunde aus der Nachbarschaft, dem Kindergarten und der Schule dazu.

Unser Temperament bestimmt, wie wir mit der Welt umgehen und die eingehenden Informationen bearbeiten und umsetzen. Spätestens mit dem Erwachsenwerden stehen wir dann auf eigenen Füßen und denken unsere eigenen Gedanken. Aber geht das so einfach?

Erst einmal sind wir alle Produkte derer, die uns erzogen haben und es immer noch tun, denn Erziehung hört in diese Sinne nie wirklich auf. Wir sind ein emergentes System und wir leben in einem solchen. Da ist es mit eigenen Gedanken und absoluter Freiheit nicht einfach, um nicht zu sagen, unmöglich, denn wir sind immer abhängig von dem zuvor Gelernten und von unserer aktuellen Umgebung, von der wir ein Teil sind. Wir sind soziale Lebewesen.

Wir befinden uns ständig in einem Bezugsrahmen und müssen überlegen, wie wir unser Leben mit dem uns umgebenden Leben abgleichen können. Wir wollen unsere Werte, Fähigkeiten, Bedürfnisse, etc. leben, ohne das System so zu kompromittieren, dass wir nicht mehr in ihm leben können.

Da erfordert entweder eine entsprechende Diskussions- und auch Kompromissfähigkeit, die den Abstand zum eigenen System möglichst gering hält, oder den Wechsel in ein anderes System, in dem ich keinen oder kaum Widerspruch bekomme.

Das erleben wir auf digitaler Ebene seit einigen Jahren: Wir igeln uns in unserer Blase ein und lassen nur noch Informationen an uns heran, die uns scheinbar genehm sind. Das Problem ist eben, dass wir in der äußeren Realität nicht nur mit unserer konformen Facebookgruppe konfrontiert sind, sondern auch mit vielen anderen, unterschiedlichen Meinungen. Je mehr wir uns in unseren Blasen aber vergewissern, auf der richtigen Seite zu sein, umso mehr verlernen wir, mit diesen anderen Meinungen umzugehen.

Natürlich kann ich mich nur noch in meiner Blase aufhalten und so die Hoffnung auf Ungestörtheit in meinen Ansichten pflegen. Allerdings bewirken solche Blasen nicht, in Ruhe leben zu können, denn sie selbst können nur existieren, wenn es „Gegenblasen“ gibt, die genau anderer Meinung sind. Darüber definieren Sie und ihre Mitglieder sich. Ohne links gibt es kein rechts und ohne Nazi keine Antifa. Beide brauchen einander und ich behaupte mal, dass beide nicht wüssten, was sie ohne die anderen anfangen würden.

Blasen helfen also nicht, unabhängig zu werden, sondern ihr Ziel ist es vielmehr, ihre Mitglieder von sich abhängig zu machen. Das tun sie, indem sie die anderen Blasen diffamieren und sie als grundlegend falsch bezeichnen. Als Konsequenz empören wir uns. Ursprünglich war die Empörung für eine kleine Gruppe konzipiert und galt als Regulativ für moralisches Fehlverhalten. Eine Million-Community ist dafür nicht geeignet. Vielmehr bewirkt die ständige Empörung, dass sich das Gefühl verselbstständigt und schließlich belohnend wirkt. Dann ist man in einem sehr unangenehmen Kreislauf, aus dem schwer zu entkommen ist.

Fazit: Meine eigenen Gedanken und mein weitestgehend eigenständig gestaltetes Leben kann ich nur leben, wenn ich mich frei von solchen Blasen mache. Es mag auf den ersten Blick angenehm sein, nur Menschen um mich herum zu haben, die einer Meinung sind. Doch sind dies meist totalitäre Meinungen. Ich kann nur so lange in einer solchen Blase verbleiben, solange ich die dort herrschende Meinung uneingeschränkt teile. Ansonsten bin ich Querdenker oder Systemling.

Wer frei denken will, der ist in Blasen schlecht aufgehoben. Es ist wie mit den Seifenblasen: In der Sonne schimmern sie, doch wenn sie auf den Boden fallen, platzen sie.

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