Immer war ich auf der Fahrt,
Immer Pilgersmann,
Wenig hab ich mir bewahrt,
Glück und Weh zerrann.
 
Unbekannt war Sinn und Ziel
Meiner Wanderschaft,
Tausend Male, daß ich fiel,
Neu mich aufgerafft!
 
Ach, es war der Liebe Stern,
Den ich suchen ging,
Der so heilig und so fern
In den Höhen hing.
 
Eh das Ziel mir war bewußt,
Wanderte ich leicht,
Habe manche Höhenlust,
Manches Glück erreicht.
 
Nun ich kaum den Stern erkannt,
Ist es schon zu spät,
Hat er schon sich abgewandt,
Morgenschauer weht.
 
Abschied nimmt die bunte Welt,
Die so lieb mir ward.
Hab ich auch das Ziel verfehlt,
Kühn war doch die Fahrt.

Hermann Hesse

Herrmann Hesse konnte mit seinen Gedichten und Geschichten schon immer das Unsichtbare beschreiben, war selbst wohl auch ein Suchender und drückt mit seinem Gedicht das aus, was viele Neurodiverse Menschen denken und fühlen: Die Suche nach dem Sinn, dem alles zugrunde liegt, vielleicht sogar nach einem Schöpfer, der all die Saiten in der Hand hält, die unser Leben zum Schwingen bringen.

Dass Hesse selbst mit einem wachen Geist ausgestattet war, fiel früh auf, wie seine Mutter schrieb.

der Bursche hat ein Leben, eine Riesenstärke, einen mächtigen Willen und wirklich auch eine Art ganz erstaunlichen Verstand für seine vier Jahre.

Sein junges Leben verlief recht unstet und landete vorerst in einer psychiatrischen Klinik, nachdem er sich das Leben nehmen wollte, unverstanden von seinen Eltern. Eine Lehre als Mechaniker war ihm zu monoton (zum Glück, möchte man sagen), was ihn dazu bewog, seine zuvor abgebrochene Lehre als Buchhändler wieder aufzunehmen.

Er bildete sich nach getaner Arbeit weiter und schaffte es, neben einigen Texten, seine ersten Bücher zu schreiben. Ein weiterer Ausspruch von ihm lautete

„Meine Freunde und Feinde wissen und tadeln es längst: Ich habe an vielen Dingen keine Freude und glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Unübertrefflichkeit unserer Zeit noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten ‚Führer‘, während ich vor dem, was man so ‚Natur‘ nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe.“

Auch das zeugt von einem neurodiversen Gehirn, dass nicht alles goutiert, sondern, nur wenige Denkschritte weiter, all das sieht, was andere nicht sehen.

Nicht wissend also, wer uns in diese Welt geworfen hat und vor allem, warum und wozu, musste er am Ende feststellen, dass es keinen abschließenden Sinn zu finden gab. Es würde mich interessieren, welches Ziel ein derart begnadeter Schriftsteller, der zudem den Nobelpreis erhielt, verfehlt haben könnte.

Er hilft uns auf die Sprünge: Die Liebe, die in seinen Werken immer eine ambivalente Rolle spielte, die seine Figuren stets suchen. So geht es wohl auch den Menschen, die von so viel Leben und Wahrnehmung überfordert sind und dabei der Liebe, als einem der verwirrendsten Gefühle, stets aus dem Weg gehen. Teils aus Überforderung, teils aus Unsicherheit, wie einem solchen Spektakel zu begegnen sei.

Am Schluss hilft er uns, indem er tröstlich damit endet, dass er sein Ziel (die Liebe?) wohl nicht erreicht hat, dafür aber auf eine kühne Fahrt zurückblicken kann.

Das ist es wohl, was wir erwarten können. Nicht alles zu erreichen, weil wir auch gar nicht so genau wissen, was es zu erreichen gilt, die Fahrt dorthin, wohin auch immer, jedoch so kühn wie möglich zu gestalten.