Die Spiele der Erwachsenen
So lautet ein Buch von Eric Berne, dem Entwickler der Transaktionsanalyse. Was sich etwas behäbig anhört, hat einen recht einfachen und auch, wie ich finde, logischen Hintergrund.
Berne befand, dass wir mit drei Ichs leben, was an sich wirklich nichts Neues ist. Schon Freud übernahm diese Theorie, was uns den Glauben eingefangen hat, dass unser Unbewusstes die wahre Macht unseres Geistes ist. Berne macht daraus allerdings kein so großes Ding, wie es die Psychoanalyse macht, sondern sieht es ganz pragmatisch. Da wir sowohl die Strategien der Eltern erleben und ungefiltert aufnehmen, als auch unsere kindliche Reaktion darauf, haben wir beide Seiten verinnerlicht. Da in den meisten Elternhäusern das Spiel aus Maßregelung und Trotz dagegen zumeist hinlänglich exerziert wird, können wir diese Rollen bis zu unserem eigenen Erwachsensein meistens auch perfekt. Wir denken gar nicht mehr darüber nach, sondern spielen sie einfach.
Das Erwachsenen-Ich komplettiert das Trio. Es hat die Möglichkeit, die beiden andern Ichs zu identifizieren und ihrer statt diese Kommunikation – eben erwachsen – zu führen.
Wahr ist wohl, dass vieles, was wir denken, ohne unser Bewusstsein stattfindet und wir deshalb nicht hinterfragen, ob wir nicht auch anders denken, fühlen und schlussendlich handeln könnten.
Berne war ein Praktiker und er nahm diese Ich-Zustände zum Anlass, unsere Kommunikation unter die Lupe zu nehmen. Er bezeichnete jede Kommunikation, bzw. jeden einzelnen Dialog als Transaktion. Hier ein Beispiel, wie wir es so oder so ähnlich auch dem Alltag kennen.
Vorgesetzter: „Bitte kommen Sie einfach mal pünktlich, sodass wir den Laden rechtzeitig öffnen können.“
Mitarbeiter: „Immer bin ich der Sündenbock, schauen Sie doch auch mal bei den anderen, die kommen auch immer zu spät!“
Der Vorgesetzte war wohl sauer und man kann seinen genervten Unterton fast hören. Ebenso den des Mitarbeiters. Die Szene könnte sich so auch in einem Kinderzimmer stattfinden.
Und so spielen wir uns durch unser Leben und erzeugen damit nur Unmut, denn keiner ist in der Lage, seine wahren Gefühle zu äußern und so eine ehrliche Kommunikation zu führen. Wenn es so einfach wäre. Ist es jedoch, man muss es nur machen. Dazu braucht es allerdings etwas Reflexionsvermögen und die Fähigkeit, sich einzugestehen, dass die eigene Kommunikation meist mehr Probleme schafft, als die der anderen. Zudem können wir den anderen schlecht vorschreiben, wie sie mit uns zu kommunizieren haben.
Nun hat eine persönliche Kommunikation vielleicht noch nicht ganz so viele Auswirkungen auf das gesellschaftliche Geschehen. Wenn aber ganze Organisationen, Parteien oder Teile der Gesellschaft so kommunizieren, wird es durchaus unangenehm. Nicht nur, dass so eine wenig zielführende Gesamtstimmung damit etablieren lässt. Es kann sogar gewollt sein, dass bestimmte Probleme nicht gelöst werden oder sich derart stabilisieren, dass eine Lösung kaum in Aussicht gestellt werden kann.
Nehmen wir die Links-Rechts-Debatte, die größtenteils wenig erwachsen geführt wird. Oft geht es um pure Rechthaberei oder auch darum, seinen Frust ablassen zu wollen. Frust, der zumeist gar nicht durch das Theme an sich entstanden ist, sondern dort sein Ventil findet.
Viele Menschen, die gegen die Einwanderungspolitik sind, haben vermutlich noch nie direkt etwas mit Einwanderern zu tun gehabt, haben zumindest keine negativen Erfahrungen, sondern sind eher durch die Berichterstattung emotionalisiert. Das Thema aber hilft, ihre Ängste zu formulieren, auch wenn die ganz woanders entstanden sind.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Suche nach Relevanz, nach Wichtigkeit. Wenn ich sonst nicht viel in die Waagschale zu werfen habe (oder so über mich denke), dann ist Empörung der passende Weg. Man suche sich einen Sachverhalt, dem niemand widersprechen mag, und empöre sich über alle, die sich diesbezüglich missverständlich ausdrücken. Vor allem im linken Parteienspektrum ist dies gut zu beobachten.
Nun könnte man meinen, dass Empörung hilft, einen Konflikt zu klären. Da Empörung aber meistens ein Spiel ist, hilft sie wenig oder sogar der Gegenseite. Schauen wir uns die Demos gegen rechts an. Sie fanden punktuell, in großer Zahl statt. Die Demonstrierenden hielten Schilder in die Luft auf denen stand: „Wir sind die Mehrheit“. Das war das erste falsche Narrativ gewesen, denn die Tendenz in der Bevölkerung ging laut Umfragen zu den konservativen Parteien. Das Ergebnis der Wahlen war dann auch genauso und für die Demonstrierenden wohl recht ernüchternd, da die rechten Parteien die Mehrheit erhielten.
Statt sich andere Strategien zu überlegen, wie man die Menschen von sich überzeugen könnte, passiert nun immer das gleiche: Die Dinge, die nicht funktioniert haben, werden intensiviert und funktionieren natürlich nach wie vor nicht. Stattdessen wird das Problem (das Aufkommen der „rechten“) verschärft. Und so wiederholen sich Stereotype auf beiden Seiten, wobei jede Seite glaubt, das Richtige zu tun. Reflexion oder das Ändern der Perspektive sind Fehlanzeigen, denn immerhin braucht man den bösen anderen, um seine eigene Gutmenschlichkeit vor sich her tragen zu können. Der Spalt, den man vorgibt, schließen zu wollen, bleibt offen, wird größer und erhält unsere Macht. Gewonnen ist dabei nichts, außer, dass alle im Spiel bleiben.
Merke: Manchmal kann es lohnenswerter sein, einen Konflikt aufrechtzuerhalten, als ihn zu lösen. Ärzte verdienen nur, wenn es Kranke gibt. Anwälte verdienen nur, wenn es Gründe für Streit gibt und Parteien bleiben nur bestehen, wenn der Gegner auch bleibt. Der Kampf gegen Krankheit, Frieden und Extreme ergibt für die meisten nur dann Sinn, wenn er nie gewonnen wird.
Und so ziehen sich die Spiele durch unser Leben, meistens in der Annahme, dass es um ernste Auseinandersetzungen geht. In der Regel aber spielen wir nur unsere ewigen Narrative nach, ohne zu merken, dass sie längst nicht mehr funktionieren, und wenn, dann nur, weil genug andere Menschen mitspielen.




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